
Pia Hediger
Ist Ihre Nase in der Mitte?
Lebenserinnerungen einer Heilpädagogin mit Behinderung
Verlag C. F. Portmann
ISBN (10) 3-9523107-7-8
ISBN (13) 978-3-9523107-7-9
CHF 28.80, Euro 19.20
«Ich habe viele behinderte Menschen kennen gelernt, darunter auch Körperbehinderte, interessante, prachtvolle Menschen, die ihr Leben gut meisterten und dabei nicht verbitterten. Es gab aber auch Menschen, die ihr Schicksal ausserordentlich schwer empfanden und mir vorhielten, ich könne nicht mitreden, da ich nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sei. Mir scheint, die innere Zufriedenheit hängt nicht so sehr vom Grade der Behinderung ab, manchmal ist eine kleinere Behinderung viel schwerer zu ertragen als eine schwere.» Pia Hediger, selbst schwer körperlich beeinträchtigt, wurde von Freunden und Bekannten dazu aufgefordert dieses Buch zu schreiben. Und wie gut, dass sie dieser Aufforderung gefolgt ist!
In ihren Lebenserinnerungen lernen wir viele Facetten ihrer Persönlichkeit kennen: Sie macht betroffen beim Schildern lebenstragischer Situationen und hinterlässt beim Leser trotzdem stets ein Lächeln, zum Beispiel wenn sie schildert, wie der Mutter im Kinderspital mitgeteilt wird, dass ihr Kind ein hoffnungsloser Fall sei. Oder Jahre später als Verwalterin der Mitarbeiterkasse ihrer Firma, wo sie schon am zweiten Tag von einem «jungen Kerl» verletzend bloss gestellt wird und sich bei ihm mit einer Ohreige revanchiert und so von Anfang an den Tarif bestimmt (wobei sie durchaus mit einer möglichen Entlassung rechnet). In einem anderen Fall lernen wir sie als vollendetes Schlitzohr in Paris kennen, wo sie beschliesst, einem Polizisten den weissen Stab, den «Flics» als Souvenier zu stehlen. Das Unternehmen misslingt, und sie und ihre Freundin werden zum nächsten Polizeiposten gebracht und verhört. Statt aber bestraft zu werden, verliebte sich der Polizeivorgesetzte in die junge behinderte Dame, spendete beiden ein nobles Nachtessen und besuchte sie später in Zürich.
Sei es als junge Erzieherin wo sie auf dem Sonntagsspaziergang eine Schülerin verliert die sie dann in panischer Angst sucht und endlich wohlbehalten im Gottesdienst der Kirche findet, wo das Kind andächtig dem Orgelspiel lauscht. Sei es beim unerwarteten Besuch des Schulinspektors, der sie anfänglich dutzt und als tüchtige Schülerin lobt und erst später merkt, dass er es mit der Lehrerin zu tun hatte. Oder noch später als Leiterin einer anthroposophisch orientierten heilpädagogischen Schule, wo sie viel Verantwortung zu tragen hatte und einen vorbildlich offenen Gedankenaustausch pflegte. Immer geht von ihr ein beispielhafter Lebensoptimismus aus. Ihr Humor hat etwas Befreiendes der nur Menschen eigen ist, die auch über sich zu lächeln gelernt haben.
Pia Hedigers facettenreich und flüssig geschriebene Lebenserinnerungen sind eine Bereicherung für alle Leserinnen und Leser. Man lernt eine ungewöhnliche Frau mit einer ausserordentlichen Willenstärke und Reife kennen. Und natürlich erfährt der Leser auch, wie es mit der Frage «Ist Ihre Nase in der Mitte? steht.
Hans Egli




