
Interview mit Eliahu Tavor zu seinem Buch: Klanggestaltung und freie Improvisation ? ein Weg zur Musik
Oratio Verlag, Schaffhausen, 2004, ISBN 3-7214-0703-2, sFr. 19.80, Euro 16.80
F: Für unsere Leser die noch nicht wissen was «Klanggestaltung» bedeutet: könnten Sie in einigen Worten diese von Ihnen entwickelte Methode beschreiben?
A: Der Begriff «Klanggestaltung» ist ganz Prozess: Klang entsteht in unserem Klangwesen, er wird durch unsere Bewegung gestaltet und in einer Klanggestalt verwirklicht. Jeder Klang hat eine eigene Gestalt, d.h. Wesen und Form, also ein Eigenleben. Man muss nur gut hinhören.
F: Sie betonen in Ihrem Buch die Notwendigkeit der klanglichen Kreativität.
A: Ganz recht. Meine «Klanggestaltung» ist mein Bekenntnis zur Kreativität der menschlichen Seele. Nur Kreativität auf der elementarsten Stufe kann uns aus Routine und Konvention führen, die in der Musik so weit verbreitet sind. Bewusst verwende ich daher auch nur elementarstes Klangmaterial wie Steine, Hölzer, Metalle ? auch Glasflaschen, ein Instrumentarium das den Regeln der Klanggestaltung nicht weniger gehorcht als unsere konventionellen Instrumente.
F: Sie haben über die Jahre mit Ihrer Methode auch wichtige Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht. Worin besteht der Zugang dieser Menschen zu Klang und Klanggestaltung?
A: Meine Arbeit mit seelenpflegebedürftigen Menschen gehört zu den ergreifendsten und fruchtbarsten Erlebnissen meiner musikalischen Tätigkeit. Das seelisch-geistige Wesen des behinderten Menschen ist in der Tiefe für das Elementare des Klanges und des musikalischen Duktus` voll empfänglich. Die Klanggestaltung ist ihm sozusagen auf den Leib geschrieben, denn sie erfordert keine Kenntnisse wie Technik, Fingersätze oder Notenlesen und vermittelt trotzdem einen vollwertigen musikalischen Inhalt, den er im Tun erlebt.
F: Könnten Sie etwas aus Ihrer praktischen Arbeit erzählen?
A: Ich arbeite mit den Schützlingen in zwei Richtungen, die durch meine Methode ermöglicht werden: durch Beobachten des bereits beschriebenen Prozesses erkenne ich eventuelle Hemmungen auf einer der drei Stufen (Klangwesen ? Bewegung ? Realisierung) und bemühe mich, sie durch entsprechende Übungen zu überwinden und dadurch beim Schützling positive Impulse auszulösen, da er in ein inneres Strömen kommt, welches das Wesen des Klanges ausmacht. Der weitere wesentliche Aspekt ist die Förderung von Konzentration, Feinmotorik, Dialog und Wille. Dadurch wird auch ein Beitrag an die allgemeine Entwicklung des Schützlings geleistet. Durch Dialogübungen ermöglicht Klanggestaltung Kommunikation dort wo diese verbal gestört oder überhaupt nicht vorhanden ist.
F: Dürfen wir Ihnen abschliessend noch eine persönliche Frage stellen: fühlen Sie sich als erfahrener Musiker nicht mit dieser elementaren Tätigkeit unterfordert?
A: Ich freue mich über diese Frage und beantworte sie gern mit einer Frage: was könnte befriedigender sein als sich für Verwandlung zu öffnen, insbesondere wenn diese den Weg zu elementaren Erkenntnissen nimmt?




